Libera Viva

Elisabeth Hölzl 12|04| - 05|05|12

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Libera viva (2011) ist das Ergebnis einer einjährigen Beziehung aus nächster Nähe zwischen Elisabeth Hölzl und den Räumen des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses Leonardo Bianchi in Neapel. Die Struktur umfasst eine Reihe von Pavillons, die durch lange, immer gleiche, an die Innengärten grenzende Korridore miteinander verbunden sind. Das Gelände erstreckt sich auf einer Gesamtfläche von 20 Hektar und ist heute ein verlassener Raum mit unbestimmter Zukunft.Die Arbeit von Elisabeth Hölzl setzt sich aus einer Serie von Fotografien und aus verschiedenen Zeitdokumenten wie dem Plan des Geländes, den Archivfotos und dem Effektenregister zusammen, in das die persönlichen, bei seiner Aufnahme abgegebenen Gegenstände des Patienten sowie die Begründung für seine Internierung  eingetragen wurden. Libera viva nimmt eine bereits bei früheren Arbeiten angewandte Vorgehensweise wieder auf und entwickelt sich auf zwei Ebenen: der Gesamteffekt ergibt sich aus deren Zusammenspiel, in den Ausdrucksmitteln, aber nicht nur. Die Fotografien sind sehr ausdrucksstark und bestätigen einmal mehr die Fähigkeit der Künstlerin, sich auf Orte einzustellen: Die aus dem weiten Gelände des Leonardo Bianchi herausgearbeiteten Details lassen das Geheimnis eines einst sehr mächtigen Gebäudes erahnen, legen den Grad seiner Verwahrlosung bloß, wobei die einstige Macht eine Entsprechung im Ausmaß des Verfalls findet. Die Auflösung, die sie kennzeichnet, verwandelt sich beim Anblick in eine physische Empfindung. In einigen Bildern nimmt Hölzl jene Spuren auf, in denen sich die Vergangenheit dieses Ortes in ihrer ganzen Brutalität zeigt: die Betten, ein Sprechzimmer, die Graffitis - physische Zeichen auf der Haut des Gebäudes, Gesten des Überlebens. Staub und Schutt dämpfen das schmerzhafte Echo, das von diesen Fotografien heute verlassener Räume ausgeht, aber sie beseitigen es nicht. Daten und Zeitdokumente bedürfen keiner weiteren Erklärung: Sie rufen unaufhaltsam die Realität dieser und ähnlicher totaler Einrichtungen in den Sinn, wo das von allem beraubte Individuum zu einer Nummer wird, wo Menschen - nicht selten aus offenkundigen Zweckgründen - zu einem eingesperrten Dasein verdammt sind, Tage, Monate, Jahre, Jahrzehnte  des Immergleichen. Sie erzeugen eine Art Hemmwirkung, die den Betrachter daran hindert, der Versuchung zu erliegen, sich mit Wehmut dem Zauber hinzugeben, der von den Bildern ausgeht. Sie stärken die Erinnerung und zeigen die historische Verantwortung, die die Geschichte dieser und ähnlicher Einrichtungen bestimmt hat: Vornamen, Nachnamen, Gegenstände, persönliche Erlebnisse, Internierungsgründe. In Libera viva  artikuliert sich die Interaktion unterschiedlicher Ausdrucksmittel außer im Nebeneinander von Fotografien und Dokumenten auch in einer Veränderung der Temperatur: die Wärme durch den empathischen Blick der Künstlerin in ihren Bildern, die eisige Kälte der historischen Daten. Ein Teil der Fotografien zeigt jene Elemente, die unmittelbar auf den Zweck dieser Einrichtung verweisen, andere hingegen halten die Präsenz der Natur fest, insbesondere die Kraft, mit der sie sich der Architektur bemächtigt, sie überwuchert und ihre Merkmale verändert hat. Elisabeth Hölzl kommt mehrere Male auf diese Gewalt zurück, betrachtet sie aus der Nähe und aus der Ferne, gibt ihr Raum, fördert sie klar zutage. Die Künstlerin schreibt noch in den einleitenden Bemerkungen: „Die Wiedereroberung des Raumes durch die Vegetation ist gleichsam eine Metapher für den Sieg des Lebens über den Zwang“. In diesen Worten scheint sich die Resonanz mit dem, was der Landschaftsarchitekt Gilles Clement über wilde Gärten schreibt, in eine Gemeinsamkeit des Sehens zu verwandeln, das, von unterschiedlichen Blickwinkeln ausgehend, die Grenzen menschlichen Handels offenlegt.  Von einer totalen Niederlage ist dabei nicht die Rede, aber beide verweisen auf die Schwäche, die sich im Streben nach Eroberung und Kontrolle manifestiert und stellen ihm die größere Handlungswirksamkeit der Natur gegenüber, wenn es darum geht, sich neu zu erfinden, Raum für Vielfalt zu schaffen, einzuschließen und damit das Weiterleben zu ermöglichen. Alle Elemente in Libera viva  tragen dazu bei, ein labiles Gleichgewicht aufzuzeigen, hervorgerufen durch die Wirkung, die sich aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unterschiedlicher Zeitstufen (die Geschichte, die Gegenwart), unterschiedlicher emotionaler Ebenen (die Daten, die Empathie des Blicks) sowie unterschiedlicher Ausdrucksmittel (die Archivinformationen, die Fotografie) ergibt. Aber dieses labile Gleichgewicht ist - im Gegensatz zu dem, was wir zu denken gewohnt sind - die Voraussetzung für Veränderung im Sinne von Erneuerung. Nur wenn es generiert und angenommen wird, lassen sich – wie uns die Natur zeigt  - jene Vorteile erzielen, die sich aus dem Einschluss der Vielfalt ergeben. Elisabeth Hölzl, geboren 1962 in Meran, wo sie auch lebt und arbeitet. Sie studierte an der Accademia di Belle Arti in Bologna und erhielt zwei Stipendien für New York und La Havana. Die Ausstellung gliedert sich in zwei Teile und ist zu sehen in: Meran - Es contemporary art gallery vernissage 12|04|12 19.00 h Ausstellung  12|04| - 05|05|12  Mi - Fr  16 – 19 h / sa 10 – 13 h Bozen - Antonella Cattani contemporary art vernissage 17|04|12 18.30 h Ausstellung  17|04 - 28|05|12  Die - Fr  10 - 12.30 h - 16.30  - 19.30 h / sa 10 - 12 h download | pdf

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