LAB

Siggi Hofer 30|10 – 29|11|14

siggihofer-300
Im Jahre 1984 stand der Slogan " MÄNNER SOLLEN MÄNNER KÜSSEN, ANSTATT MÄNNER TÖTEN MÜSSEN " auf einem Transparent einer Demonstration für die Rechte homosexueller und transsexueller Menschen in Wien. Dieser Satz, geschrieben in feinen Stäbchen aus Holz, empfängt den Besucher der Ausstellung in der es-gallery. Der weitere Blick in die angrenzenden Räume zeigt eine umfassende Installation aus kolorierten Holzbuchstaben, welche auf Balken aus Holz montiert sind und eine Serie von Wörtern und Begriffen darstellen. Aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgenommen, werden alle Worte vorerst nivelliert und sinnbefreit, indem sie in einheitlicher Typologie und Form so präsentiert werden, dass sie zuerst nur als Objekte oder Laute wahrnehmbar sind, sowie auf persönliche Erinnerungen und je individuelle inhaltliche Verknüpfungen verweisen. Erst in ihrer Nachbarschaft zu anderen Worten im räumlichen Parcours der Ausstellung wird das Text- und Wortensemble dichter und komplexer, und wir meinen Zusammenhänge oder Bedeutungsbündel zu erkennen. Auffallend ist eine Konzentration an männlich militanten Ausdrücken und Formulierungen, ("anstatt Männer töten müssen ", „BUNKER“, „CAMP“, „WOOF“, „BULL“), sowie eine Verdichtung volkstümlich-religiöser Begriffe wie z.B. bei „EAGLE“, „SCHEUNE“ oder „CHURCH“, welche Siggi Hofer für diese Ausstellung ergänzt hat. Als Ausstellungsbesucher können wir die Ausstellung nur erschließen, wenn wir uns physisch in die Räume hineinbewegen. Die Buchstabenbalken sind jedoch wie Barrieren im Raum verteilt, sodass wir uns nur mit Mühe durch den Balkenwald winden. Der physische Austausch entspricht einem durch die räumlich komplexe Situation entstehenden Parcours, auf dem sich der Betrachter auf die Suche begibt nach Begegnung und Entdeckung. In einer räumlich-körperlichen Erfahrung erkunden wir so eine Welt von Sprache und Text, welche uns als offene und gleichzeitig komplexe Struktur begegnet, und uns auf unser je eigenes Verstehen und Interpretieren von Welt verweist, indem wir Schichten von Bedeutungsebenen übereinander legen und uns auf unübliche Verknüpfungen einlassen, ähnlich einem hermeneutischen Erkenntnisprozess. Der Titel der Ausstellung, LAB, verweist auf diesen experimentellen Raum, in dem Dinge neu erfunden werden können und neu entstehen. Andererseits lebt LAB selber von verschiedenen Bedeutungsebenen, als Abkürzung für den Begriff Laboratorium, oder als Name einer Gay-Bar, oder etwa auch als Enzym-Gemisch zur Käseherstellung? Nach einer genaueren Auseinandersetzung bemerken wir, dass auch alle anderen Begriffe der Ausstellung von diversen Gay-Fetisch-Kneipen stammen, deren Namen Siggi Hofer weltweit recherchiert hat. Durch dieses sich nähere Beschäftigen mit Sprache verändern sich Bedeutungen, Illusionen können abgelöst werden durch reale Sinnzusammenhänge, oder umgekehrt. Ein zweiter Schriftzug, welcher in feinen Holzlettern im kleinen Raum an der Wand montiert ist, stammt aus einer Demonstration in Italien für die Rechte von Tieren, und lautet "TUTTI HANNO BISOGNO D'AMORE, ANCHE UN CANE ". Sollten wir vorher noch geglaubt haben, den roten Faden gefunden zu haben, so wird er hier wieder neu aufgerollt. Was haben nun Hunde und Liebe und Gay-Bars und die Rechte der Homosexuellen gemeinsam? Siggi Hofer geht es darum, Inhalte auf einer vieldeutigen Ebene zur Disposition zu stellen, Ambivalenzen einzufügen, um moralisierende Diskussionen zu vermeiden, aber auch Atmosphären zu schaffen, um Inhalte über Texte und Bilder im Kopf neu zu ordnen. Er will unsere Gedanken auf ein reflektierendes Terrain führen, wo sie frei, suchend, und neu findend sein können. pdf | download

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.