HANG IT ON THE WALL

Harry Thaler 09|12|10 – 23|12|10

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Der Produktdesigner und Künstler Harry Thaler interpretiert mit seinem Objekt "Hang it on the Wall" klug und eigenwillig den Abgesang auf die Glühbirne. Die mundgeblasene gläserne Birne kann durch eine eine Öffnung im Glaskörper mit einem langem Nagel direkt an der Wand aufgehängt werden. Thaler hängt die Glühbirne auf seine Art an den Nagel, ohne damit ihr Verschwinden zu besiegeln Sie soll nun an den Nagel gehängt werden, die gute alte Glühlampe, nachdem sie uns rund 150 Jahre lang ihr warmes Licht geschenkt hat. Man wirft ihr vor, dass sie nur einen kleinen Bruchteil ihrer Wärme in Licht verwandelt und daher den ökologischen Vorgaben der Europäischen Union nicht mehr folgenkann. Die Glühlampe ist eines jener Objekte, das jeder von uns Zuhause hat, sie ist ein alltäglicher, simpler Gegenstand, dem nie wirklich große Aufmerksamkeit geschenkt wurde, da er das Selbstverständlichste in der technischen Welt darstellt, und der es aber trotzdem geschafft hat, zum Kultobjekt zu werden. Nun, im Zuge ihres Verschwindens, kommt die Glühlampe zu jenen Ehren, die ihr gebühren, denn sie hat seit ihrer Erfindung durch Thomas Alva Edison im Jahre 1879 die Nacht zum Tag und dunkle Straßen sicherer gemacht, sie hat ganze Städte erstrahlen lassen, unsere Wohnräume erhellt, und dadurch unsere Kunst, Kultur und Geistesgeschichte beeinflusst. Die Glühlampe ist Teil von wichtigen Kunstwerken, Teil unserer Architektur- und natürlich unserer Designgeschichte. Der Produktdesigner und Künstler Harry Thaler präsentiert mit seinem Objekt „Hang it on the wall“(2008) eine Lampe, deren Form er an die klassische Glühbirne anlehnt, womit er andie metaphorische und historische Bedeutung dieses Alltagsobjektes anknüpft und eine Auseinandersetzung mit dem Objekt Glühlampe in seiner funktionalen, ästhetischen und symbolischen Eigenschaft in die Wege leitet. Über die äußere Form des Objektes gelingt ein Verhandeln einerseits mit der Einfachheit und Alltäglichkeit dieses Gegenstandes und andererseits mit der Vielfalt von Themen und Emotionen, die durch die Glühlampe gerade im Moment ihres Verschwindens angesprochen werden. Es ist folgerichtig die nackte Glühbirne, welche hier zur Lampe stilisiert wird, ein Objekt, das unsere persönlichen und kollektiven Erinnerungen auffängt. „Hang it on the wall“ interpretiert die klassische Form der herkömmlichen Glühlampedurch vorsichtige Eingriffe in Form und Funktion neu, wobei Thalerauch mit der Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit des Objektesarbeitet sowie mit ihrer eigentümlichen Verschränkung von Stofflichkeit und Transparenz. Thaler nagelt seine Glühbirne an die Wand, eine symbolische Geste, nachdem die 100-Watt-Glühbirne seit dem 1.September 2009 aus den Kaufhausregalen Europas verschwunden ist und bis 2012 komplett durch die Energiesparlampe ersetzt werden soll. Die mundgeblasene gläserne Birneweist eine Öffnung auf, die sich von einer Einbuchtung an der oberen Vorderseite bis nach hinten durchzieht, durch welche ein langer Nagel geschoben werden kann, ein gleichsam spielerischer wie auch immanent gewalttätiger Gestus, der den melancholischenAbgesang der Glühbirne beschreibtund gleichzeitigunsere Verantwortlichkeit in Bezug auf ökologisches Handeln anspricht. Die Glühbirne war und ist Symbol für Elektrifizierung und Erleuchtung, sie ist jenes künstliche Leuchtmittel, das der Sonne am nächsten kommt“, so beschreibt es die österreichische Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz und fasst somit die Hauptqualitäten der Glühbirne zusammen. Und genau hier knüpft ein Großteil der Bedeutung an, die der Glühbirne als Leuchtmittel zukommt. Es ist ihr warmes, leicht gelb-rot-stichiges, gemütlichwohltuendes Licht, dem scheinbar trotz vieler Versuche kein anderes Leuchtmittel entsprechend näherkommt.Es ist auch ihre unverwechselbare Form und Funktionalität: ohne Strom ist sie eigentlich ein Handschmeichler, mit Strom dient sie leuchtend nur noch dem Auge. Und es ist ihre historische Bedeutung: Der Schriftsteller und Kunstkritiker Ulf Erdmann Ziegler beschreibt die Glühbirne als die große amerikanische Erfindung des 19.Jahrhunderts, ein urdemokratisches Objekt, das einen unglaublichen Siegesszug vollzog, weil ihre Anwendung keinen Experten braucht, kein Gerät, keine Distribution. Die Glühbirne kann jeder verwenden, es braucht nur zwei Hände, um sie einzuschrauben. Sie steht seit ihrer Erfindung als Symbol für gute Ideen und Erleuchtung, und kann als technische, ja sogar wörtliche Umsetzung der Aufklärung bezeichnet werden, die auf Englisch „Enlightenment“ genannt wird. Das Bahnbrechende an derErfindung der Glühlampe lässt sich erklären, wenn man bedenkt, dass eine einzige Glühbirne einen dunklen Raum hell machte und dadurch manuelle Produktion auch nach Sonnenuntergangermöglichte, aber vor allem auch das Lesen und das Schreiben. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Industrialisierung und im Zuge dessen auf das Erstarken einer aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft im 19.Jahrhundert. Im selben Zuge der Entstehung der Glühbirne lernte der Mensch das Fliegen, das Telefon wurde erfunden und die Dampfmaschine, durch die die Eisenbahn und Dampfschifffahrt schnell ausgebaut werden konnten. Der Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant,forcierte ein der reinen Vernunft und Urteilskraft dienendes Denken fernab von Aberglauben und Irrationalität. Zeitgleich stieg aber auch die Sehnsucht der Menschen nach der Fremdeund dem Geheimnisvollen. Der romantische Poetiker Novalis verfasste seine „Hymnen an die Nacht“, und es begann mit Siegmund Freud und seinen Vorgängern eine Reise nach innen, in die dunklen Bergwerke unseres Unbewussten. Die Historikerin Christina von Braun weist auf den seltsamen Zusammenhang hin, dass diese Reisen ins Dunkel genau in jenem historischen Moment unternommen wurden, als Galvani den Strom entdeckte und die Glühlampe die Gespenster der Dunkelheit verscheuchte. Aber ohne Zweifel löste die Erfindung der Glühbirne auch einen unausweichlichen Veränderungsprozess in der Kunst und Architektur, im Theater und Musikbetrieb bis hinein in die Fotografie und die Entstehung des Films aus. Interessanterweise war das Pleinair, das Malen im Grünen, groß in Mode, als mit dem elektrischen Strom und der Erfindung der Glühbirne die Künstlerateliers plötzlich 24 Stunden zur Verfügung standen. Für die Kunst des 20.Jahrhundert stellte das technische Licht eine ähnliche Herausforderung dar, wie es für die Impressionisten die Sonne gewesen war.Der Umgang mit dem Licht in der Kunst hat die Farbe von ihrer Gegenstandsbezogenheit befreit, und durch das Einbeziehen von Licht und Schatten wurde die Kunst aus ihrem Elfenbeinturm geholt und fand Eingang ins Leben, wodurch wiederum der ganze Raum, in dem Kunst stattfand, mit einbezogen werden konnte. Künstler machten visuelle Phänomene durch Experimente mit Licht anschaulich, verwendeten neue Technologien, benannten das Verhältnis von Licht und Bewegung und erforschten allgemein das Sehen in Bewegung.Und in der Architektur ermöglichte das künstliche Licht bisher ungekannte Inszenierungen mit eigens für die Glühbirne konstruierten Lampenschirmen und Leuchtern.Im Unterschied zur Leuchtstoffröhre bzw. Neonröhre, die gerade im Bereich der Lichtkunst seit den 60er Jahren durch ihre Formbarkeit und durch ihre vielfältige Verwendbarkeit als Lichtmaterial eine unglaubliche Karriere hinlegte, blieb die Glühlampe im Kunstkontext stets ein „Objettrouvé“, ein vorgefundenes Objekt und als solches in seiner Form nicht veränderbar. Gemessen am Interesse der Künstler des 20.Jahrhunderts stellte ihre Gewöhnlichkeit jedoch scheinbar kein Hindernis dar.Gerade in den letzten 10 Jahren haben Künstler die Poesie der Glühbirne in umfangreichem Maß entdeckt. Die Geschichte der Glühbirne und ihrer Verwendung in Design und Kunst verweist auf ein Objekt, das in seiner ganzen Unscheinbarkeit tatsächlich ein nicht zu unterschätzendes Kulturgut darstellt, da es metaphorisch die Werte von Aufklärung und Wohlstand, Technik und Egalität verknüpft, und damit eine ganz bestimmte Zeitspanne von der Moderne bis heute beschreibt. Harry Thaler’s Lampe „Hang it on the wall“ forciert durch das Aufgreifen und Neudefinieren der klassischen Form der Glühlampe und deren Kultstatus einen Akt des Zurückblickens auf dieseganz spezielle Geschichte technischer und kultureller Entwicklung. In ihrer Nacktheit gelingt die Stilisierung der formalen und ikonographischen Eigenschaften der klassischen Edison-Glühlampe und somit die Thematisierung ihrer metaphorischen Bedeutungsebenen. Dieses Leichtobjekt appelliert damit einerseits an unsere nostalgischen Gefühle, um gleichzeitig kritische Fragen in Bezug auf den Umgang der Menschheit mit Energieressourcen und ökologischen Themen anzusprechen. Dr. Sabine Gamper Download PDF

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