Geberge

Uta Neumann 25 | 10 – 17 | 11 | 12

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Das Interesse von Uta Neumann gilt dem Verhältnis des Menschen zur Landschaft, im weitesten Sinne von Raum, Natur und Urbanem. Sie findet ihre Fotomotive weltweit – auf Nebenschauplätzen und Randgebieten, an Stadtgrenzen und in Baulücken, Orte welche vom Übergang der Zivilisation zur Natur gekennzeichnet sind."Denn man muss dem Sein von drinnen auch ein Schicksal im Draußen geben[1]" Gaston Bachelard Uta Neumanns Bilder sind dicht. Zu. Voll. Voller Sein und Wollen. Man kommt kaum hinein, und wenn man drin ist, kommt man schwer wieder heraus. Sie ziehen stark an. Eine Sehnsucht, die weh tut. Eine Schönheit, die blenden würde, wären die Bilder nicht so stumpf. Auf sanfte Weise trüb, wie durch Nebel gesehen. Meistens grau. Neumann macht es einem nicht leicht. Sie hat es nicht leicht. Aber sind ihre Bilder schwer? Sie sind vor allem sehr still. Ein bißchen wie eine Decke. Und wie eine Decke legen sie sich um denjenigen, der sich ihnen anvertraut. Der sich das zutraut. Wer diese Bilder wagt, den fangen sie auch auf. Denn sie sind, was sie darstellen: Bergendes. Wir sehen Orte, wie Uta Neumann sie seit ihrer Kindheit suchte und sucht, wenn sie Schutz braucht. Schutz vor dem anderen, den anderen, vor sich selbst. Vor einem Leiden an der Frage, am Fragen und an der Antwort. „Überall traf ich auf mich“ – diese Zeile, irgendwo gelesen, wirkt wie eine Beschreibung der Bilder und zugleich wie eine Beschreibung des Zustandes, in dem diese Bilder gemacht wurden: Uta Neumann spricht selbst vom „Fotorausch“, wenn sie mit der Kamera loszieht, um nach einer Geborgenheit Ausschau zu halten und diese ins Bild zu nehmen: bergende Formen wie Schale, Schuppen, Höhle, Hütte, Ummantelung, geschützter Ausblick, Haltepunkt, Wand. „Das Fotografieren, der Prozess, das Umherwandern und Suchen hat mir immer – und tut es noch – eine starke Befriedigung geschaffen, die mich glücklich macht. Das Suchen in Bildern verbindet mich mit der Welt. Vielleicht ist es auch gerade das Rausgehen und wieder zurückkehren in sich, um das Wertvolle wiederzukennen. So wie eine Reise zu machen, um das Heim wieder als wertvoll und geborgen zu empfinden. Das Ausreißen um der Wiederkehr Willen“ (U. Neumann). Man muß etwas zurücktreten, um Neumanns Bilder richtig sehen zu können – und dann tritt etwas aus den Bildern hervor: eine Einsamkeit und ein Trost. Der Trost stellt sich in dem Moment ein, wenn die Empathie gelingt: das Bewusstsein dafür, dass eigentlich Alle allein sind. Und wenn alle allein sind, haben sie das schon mal gemeinsam. Man müsste nur mal die Stöpsel aus den Ohren nehmen, mal den starren Blick vom Handy-Display weglenken, mal richtige Menschen treffen, statt bei facebook „mag ich nicht“ zu posten. Wer dazu nicht bereit ist, dem bleiben nicht nur die Fotografien von Uta Neumann verschlossen. Denn nur Wenige wagen es (noch), sich wirklich zu erkennen zu geben, mit ihren Fehlern und ihren Mühen, ihrer Melancholie, ihrem Herzschmerz und ihrer Bedürftigkeit: „Überall traf ich auf mich“ – das eben erwähnte Zitat formuliert die Sehnsucht der Fotografin nach einer Sichtbarkeit im Außen, danach, sich der Welt mitzuteilen. Wieviel einfacher erscheint es den Meisten, sich alltäglichen und aktuellen Zerstreuungen zu ergeben. Wie groß ist aber auch die Gefahr, den Andringungen und Zumutungen ganz ausgeliefert zu sein. Zuviel „Musik“, zu viele „Freunde“, zu viele „Informationen“ – „die Welt ist zu groß geworden“ (U. Neumann). Uta Neumann erzählte mir von einem Steingarten in Kyoto. Dieser Garten ist in die umgebende Landschaft eingebettet und so angelegt, dass man nie alle Steine gleichzeitig sehen kann. Erst in der Imagination des Betrachters vervollständigt sich das Bild. So ähnlich verhält es sich mit ihren fotografischen Arbeiten: sie sensibilisieren die Wahrnehmung, indem sie genaues und vor allem teilnehmendes Hinschauen erfordern. Sie appellieren an innere Bilder, sie er-innern im wörtlichen Sinn, sie führen uns in uns selbst hinein, wo wir aus Teilen ein Ganzes „bilden“ können und sollen. So, wie ein Haus aus mehreren Zimmern besteht. In der Traumdeutung nach Sigmund Freud symbolisiert das Haus den Träumenden selbst – die Zimmer stehen für verschiedene Aspekte der Persönlichkeit. Die Zimmer vermögen schützende Hülle zu sein aber auch Versteck für das, was man nicht anzuschauen erträgt. Die Ecken und Winkel des Hauses erscheinen gar als Schlupflöcher, in denen man ganz verschwinden kann. Das Haus birgt und umschließt, es schirmt aber auch ab, hermetisch und bis hin zur Unauffindbarkeit desjenigen, der sich verborgen hält. Entsprechend lautete ein früherer Arbeitstitel für die Werkgruppe und auch für diesen Text: Haus. Der letzte Satz dieses Textes wäre gewesen: „Komm heraus“. Eine wichtige Inspiration für Uta Neumann bestand während der Vorbereitung der Ausstellung in der Poetik des Raumes von Gaston Bachelard. Sie fand dort Beschreibungen von inneren und äußeren Bildern sowie sprachliche Bilder, die durch den Text erst entstehen. Mitunter las sie Bachelards Ausführungen wie Gedichte. Und auch ihre Bilder können wir wie visuelle Gedichte auf uns wirken lassen. „ (...) über das in einem Winkel zusammengefaltete All, über den in sich selbst versunkenen Träumer, werden uns die Dichter mehr sagen“[2] – oder Uta Neumann. Anna Zika [1] Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, Frankfurt a. M., Juli 1987, 8. Auflage: Mai 2007, S. 37. [2] Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, Frankfurt a. M., Juli 1987, 8. Auflage: Mai 2007, S.147

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