DISAPPEARING INTO THE BLIND

Werner Gasser 29 |09 - 29|10|2016

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Wie leben wir ohne Erinnerung? Ohne sistiertes Leben, ohne die Ablagerungen des Gesehenen und Gehörten, des Erlebten und Imaginierten, ohne ein Wissen um die Momente, in denen wir eben noch agierten, die dann aber unmittelbar in das Vergessen gleiten ohne Spuren zu hinterlassen? Am Anfang von Disappearing into the blind steht eine Begegnung: mit einem Menschen, der bei einem Autounfall sein Gedächtnis verloren hatte, dem sich sein Leben in unmittelbare Gegenwart einzieht. In Notizheften, organisierte er seine Erinnerung, nur das was als Schrift festgehalten war, gab seinem Dasein erfahrungsgesättigte Dichte, ermöglichte nachzuschlagen, was nahezu unmittelbar in ein seine Existenz umfangendes Vergessen sank. Erinnerungsbruchstücke, durch starke Emotionen hervorgetrieben, Rekonstruktionen, durch kulturelle Techniken fixiert: wie ist es, unter dem Druck eines permanenten Verschwindens zu leben? Sein Leben charakterisiert F. H. mit einer Metapher: Er bewege sich wie in einer Landschaft, die im einen Moment klar und deutlich sei, dann wieder im Nebel verschwände, auf Wegen, die ihm gangbar schienen, um sogleich wieder abzubrechen. Halt findet er im Schreiben und in Bildern wie diesem. Festzuhalten, was verlöscht: dazu dient ihm die Sprache und ein Bild in ihr. Eine Landschaft zeichnen: Nicht irgendeine Landschaft, sondern einen Berg, an dem meine Erinnerungen angelagert sind, ein Bild, das mir die Kindheit hervorruft: Biografischer background. Mit der Arbeit an Disappearing into the blind trat ich in einen Prozess des Wiedererinnerns und des Vergessens ein: Strich für Strich galt es das Bild der Berge in eine Gedächtnislandschaft zu verwandeln, die am Computer generiert wurde. Auf einer zweiten Ebene, durch ein Ziehen von Linien, durch Auslassungen, Verdichtungen und Vergrößerungen. In konzentrierter Arbeit entstand nach der Fotografie ein Bild: Eine Nachzeichnung, die ihren Gegenstand Strich für Strich überlagerte, eine Erinnerung die gefasst wurde gegen ein immer drohendes Erblinden: Ich schloss meine Augen und sah: in ein Dunkel gleitend, das nur schwach konturierte Leuchten einer Landschaft, des Berges. Ein Bruchstück gegen das Verlöschen gesetzt, ein Bild, das durch präzise Tätigkeit an das Licht der Sichtbarkeit zu bringen war. Und zum Anlass einer Vor-Stellung wurde, eines vor Augen Stellens. EINFÜHRUNG Primar Dr. Christian Wenter, Geriatrie Krankenhaus Meran download | PDF

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