Auch das Paradies wirft Schatten

Mona Jas & Holger Friese 29|11 – 22|12|12

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„Auch das Paradies wirft Schatten“ betiteln die Berliner KünstlerInnen Mona Jas und Holger Friese ihre gemeinschaftliche Ausstellung. Die beiden hinterfragen mit ihren heterogenen Werken, welche von Bücherskulpturen über Sprachkompositionen und Film bis hin zur Malerei rangieren, die Linearität von Kindheitserinnerungen und kultureller Identität.Jas’ Audioaufzeichnungen von Gesprächen mit KünstlerInnen und KunstlehrerInnen über ihre früheren Kinderzimmer, ihre Einrichtungen sowie Familienmitglieder, die sich mit ihnen darin aufgehalten haben, sind zu einer knappen Montage komponiert im Galerieraum zu hören. Basierend auf einer digitalen Bildvorlage, welche die Künstlerin aus Kinderzimmerzeichnungen der über 80 Befragten entwickelte, ist dazu ein Bild (Öl auf Leinwand, 110 x 130 cm) zu sehen. Parallel dazu läuft Jas’ Film Interrupted Identity / Der Strumpf, den sie bereits 1997 in der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe in Berlin mit der Schauspielerin Frida Béreaud produzierte. Während die Protagonistin spricht, wird sie von einer Kamera umkreist, zunächst von Innen, dann von Außen. Auf dieses Bildmaterial ist der Ton in asynchroner Weise geschnitten: Der Außenton (Verkehrslärm, Gesprächsfetzen vorbei laufender PassantInnen) erklingt, solange die Kamera die Darstellerin im Innenraum zeigt. Mittels einer Überblendung wechselt die Kamerafahrt nach außen, so dass man die inzwischen Verstummte hinter dem Glas erblickt. Nun erklingt der Innenton: Eine Frauenstimme erzählt von einer Kindheitserinnerung. Ihr Griff in die eingerollten Strumpftaschen offenbarte ihr bei dem Versuch deren Inhalt herauszulösen, die Erfahrung, dass der Inhalt der Strumpftasche gleichzeitig ihr Äußeres war. In der Architektur Ludwig Mies van der Rohes gefilmt, dessen Konzentration im Bau der Neuen Nationalgalerie dem Verhältnis des Innneren zum Äußeren galt (das Glas als durchsichtiges Membran, alle Stahlträger symmetrisch durchschnitten, die gleichen Bodenfliesen Innen und Außen), bildet die “location” eine Verbindung zu dem gesprochenen Text Der Strumpf aus dem berühmten Werk Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert (1). Holger Friese zeigt dazu Stelen aus Büchern, die vom Boden bis zur Decke reichen. Alle Bücher sind Werke des meistgelesenen Nachkriegsautoren Heinz G. Konsalik. Friese verweist hier auf den kulturellen Horizont der Nachkriegszeit im deutschen Sprachraum, auch mit seinen Auswirkungen auf die Jetzt-Zeit – ihrem mehrheitlichen Rückzug in eine kuschelige Comfort-Zone, in der das konsumieren fremder Schicksale einen wohligen Schauer erzeugt und Bequemlichkeit und Sicherheit als höchste Güter verteidigt werden. Die oft zitierten Worte Adornos, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, werden mit den, auf den Buchrücken der Bücherstelen lesbaren Titeln, wie “Der Arzt von Stalingrad”, “Heimaturlaub” und “Eine Sünde zuviel”, auf ironische Weise bestätigt. Audioinstallation, Mp3 Player, Kopfhörer, 4 Kanalsteuerung, 0:06:00 Minuten. Bild, Öl auf Leinwand, 110 x 130 cm. Projektor mit integriertem Player, Video mpeg4 , film- audioloop, 0:03:00 Minuten. 4 Stelen, Bücher, Dimensionen variabel (Höhe = Raumhöhe). (1) “Dann stiess ich auf meine Strümpfe, die da gehäuft und in althergebrachter Art gerollt und eingeschlagen ruhten. Jedes Paar hatte das Aussehen einer kleinen Tasche. Nichts ging mir über das Vergnügen, die Hand so tief wie möglich in ihr Inneres zu versenken. Ich tat das nicht, um ihrer Wärme willen. Es war ‘das Mitgebrachte’, das ich immer im eingerollten Inneren in der Hand hielt, was mich in ihre Tiefe zog. Wenn ich es mit der Faust umspannt und mich nach Kräften in dem Besitz der weichen, wollenen Masse bestätigt hatte, begann der zweite Teil des Spiels, das die Enthüllung brachte. Denn nun machte ich mich daran, ‘das Mitgebrachte’ aus einer wollenen Tasche auszuwickeln. Ich zog es immer näher an mich heran, bis das Bestürzende sich ereignete. Ich hatte ‘das Mitgebrachte’ herausgeeolt, aber die ‘die Tasche’, in der es gelegen hatte, war nicht mehr da.” Walter Benjamin, Der Strumpf aus: Berliner Kindheit um neunzehnhundert / Fassung letzter Hand, von George Bataille in der Bibliothèque Nationale, Paris, versteckt und 1981 dort entdeckt. download | pdf

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