1 BARREL

Harry Thaler 28|05|08 – 21|06|08

 harry
... eine Einladung zum Fallenlassen, die ein Ölfass in Sessel-Gestalt ausspricht. Ein Objekt, das weich scheint und hart ist. Ein Objekt, das den Wunsch weckt, es zu berühren und seine Konsistenz zu ergründen. Bei aller Surrealität und Groteske schwingt politisches Statement mit: ein erhobener Zeigefinger, der auf Ölberge und Müllberge zeigt. Design an der Grenze zur Kunst Stellen wir uns ohne Umschweife die schwierige Frage, um was es sich bei den aktuellen Arbeiten von Harry Thaler mit dem Titel „One Barrel“ handelt. Vor uns stehen Ölfässer, die aussehen und auch so funktionieren wie Sessel, Lampen und Spiegel. Mit anderen Worten: man kann sie besitzen, sich in ihnen reflektieren und sie beleuchten möglicherweise unseren Esstisch. Es sind demnach nicht etwa nur Ölfässer, die so tun als ob sie das ebengenannte Mobiliar sind, sondern sie sind es wirklich! Designer und Künstler haben schon immer Dinge erfunden, gestaltet und erdacht, die man nicht mit den passenden Worten beschreiben konnte, weil sie sich ganz bewusst dem Begriff entzogen haben. Halten wir uns vor Augen, dass in dem Wort „Begriff“ auch das „Greifen“ steckt und das, was man im Griff hat, das ist sicher. Mit einem sicheren Ding und seinem ebenso sicheren Begriff kann man problemlos umgehen, mit dem entscheidenden Nachteil jedoch, dass wir gar nicht mehr merken, dass wir überhaupt noch mit den Dingen umgehen. Gegenstände heißen Gegenstände, weil sie uns in der Welt entgegenstehen – sie stehen uns im Weg, sie versperren den schnellen Durchgang und mit dieser Eigenschaft belästigen sie unsere fettleibige und großkotzige Selbstverständlichkeit, mit der wir die Dinge in Besitz genommen haben. Harry Thalers Gegenstände stehen in ganz beachtlichem Maße im Weg, sie sind besonders sperrig, weil sie neben ihrer auffälligen Gestalt eine zweite, noch viel lästigere Eigenschaft mitbringen, die den Weltgebrauch der gewohnheitsmäßigen Verbraucher in ihren heimseeligen Eigentumswohnungen auf ungemein freche Art beleidigt. Ich meine den müllähnlichen Charakterzug, der ihnen anhaftet. Natürlich sind es keine weggeworfenen Dosen, sondern sorgsam destruierte Behälter, verfeinert und bestückt mit den Insignien des Luxuriösen, doch ihre alte Heimat haftet ihnen an wie ein übler Stallgeruch, den sie niemals loswerden. Ein Ölfass wird immer ein Ölfass bleiben, da kann sich der Designer noch so plagen mit seinen Ideen – das Superzeichen widersteht den individuellen Versuchen des Bezeichnens souverän. Thalers Objekte sind hybride Gestalten, die ein trickreiche s Doppelleben führen. Sie verhalten sich ein wenig schizophren, denn sie sind in einer Figur zwei Individuen, die voneinander nichts mehr wissen, wenn man sie nach ihrem alter ego fragt. Schaue ich in ein Ölfass, das sich wie ein Spiegel verhält oder ist der Spiegel ein Ölfass, das so tut, als ob es ein Spiegel wäre? Habe ich mir in einem Anflug von Wahnsinn ein zerquetschtes Ölfass an die Decke gehängt und eine Glühbirne hineingeschraubt, das jetzt eine Lampe sein soll, oder hat ein intelligentes Programm eine noch intelligentere Maschine gesteuert, die Bleche zu Lampen verbiegt, die mich ganz stark an zerbeulte Ölfässer erinnern? Wer in rationaler und sauberer Manier diese beiden Welten zu trennen versucht, der verhält sich nicht nur langweilig, sondern er nimmt den Thaler’schen Objekten ihre symbolische Seele. Im Symbol verbindet sich ein fragmentarisches Ding mit einem dazugehörenden Sinn, den das Ding aber nicht repräsentiert. Erst dann, wenn der Wissende das Symbol gebraucht, ergänzt es sich zu einem Ganzen, das mehr ist als die Summe der Teile. Man kann dies einen magischen Vorgang nennen, man kann es aber auch ganz nüchtern erklären. Der Designer geht auf die Suche nach dem Sinn, der hinter seinen archaischen Gegenständen des verschwindenden Industriezeitalters verborgen liegt. Das Ölfass kann als ein archetypisches Symbol für den Aufstieg und den Erhalt der letzten materiellen Epoche der westlichen Zivilisation stehen, denn das Erdöl ist wohl unbestritten der Motor des Materialismus. Thaler reduziert und komprimiert im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Epoche auf das materielle Behältnis, welches die Idee des Zeitalters in die Welt transportiert hat. Das Barrel Öl ist das symbolische Tauschobjekt für das Wohl und Wehe der Menschheit – dies wollen uns jedenfalls die Vertreter des Kapitals einreden. Die leeren, zerbeulten Ölfässer sind die geradezu apokalyptischen Zeichen für den Untergang der Zivilisation – danach folgt der Rückfall in die Barbarei. Nun ja, so schrecklich brauchen wir uns das Ende des Ölzeitalters nicht auszumalen, denn wir haben ja solche findigen Menschen wie Harry Thaler einer ist, der den alten Zivilisationsschrott weiterverwendet. Ohne dass er seine Erfindungen mit viel aufgesetzter Gedankenakrobatik manipulieren müsste, sind sie ganz leicht und spielerisch zu einer sonderbaren, neuen Form geworden, die ich gerne postindustrielles Design nennen möchte. Sie hat viele Bezüge zum Konzept der arte povera, deren Formensprache und Gestaltrepertoire sie benutzt, setzt sich jedoch deutlich von der Kunst dadurch ab, dass sie ohne Einschränkungen tagtäglich benutzt werden kann. Harry Thaler ist damit ein Grenzgänger in zweierlei Hinsicht. Zum einen bewegt er sich mit seinen neuen Objekten an der Grenze zwischen Objektkunst und Produktdesign, zum anderen markiert er die imaginäre kulturgeschichtliche Grenze zwischen der materiellen industriellen Welt und dem neuen, immateriellen Zeitalter der Informationen. Von daher kann man Harry Thalers Werke „informierte Gegenstände“ nennen, deren Sprache wir erst noch lernen müssen – es wird höchste Zeit, dass wir damit beginnen. © Gerhard Glüher

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